Sonntag     Quasimodogeniti        2020

Spruch:                     Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten (1. Petrus 1, 3)

 

Psalm:                  116

1 Das ist mir lieb, dass der Herr meine Stimme und mein Flehen hört.

2 Denn er neigte sein Ohr zu mir; darum will ich mein Leben lang ihn anrufen.

3 Stricke des Todes hatten mich umfangen, / des Totenreichs Schrecken hatten mich getroffen; ich kam in Jammer und Not.

4 Aber ich rief an den Namen des Herrn: Ach, Herr, errette mich!

5 Der Herr ist gnädig und gerecht, und unser Gott ist barmherzig.

6 Der Herr behütet die Unmündigen; wenn ich schwach bin, so hilft er mir.

7 Sei nun wieder zufrieden, meine Seele; denn der Herr tut dir Gutes.

8 Denn du hast meine Seele vom Tode errettet, mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten.

9 Ich werde wandeln vor dem Herrn im Lande der Lebendigen.

13 Ich will den Kelch des Heils erheben und des Herrn Namen anrufen.

 

Evangelium:           Johannes 20, 19-29

19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!

20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.

21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

22 Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!

23 Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

24 Thomas aber, einer der Zwölf, der Zwilling genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.

25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich's nicht glauben.

26 Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch!

27 Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!

28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!

29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Predigttext:           Jesaja 40, 26-31

26°Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«?

28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen;

31 aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

 

 

Predigt:        zu Jesaja 40, 26-31                     von Pfarrer i. R. Manfred Buder (Kolkwitz)

Liebe Leser, Mitchristen und Mitbürger!

Ist es nicht auffällig, wie oft wir seit 2 Wochen öffentlich gelobt werden, dass wir uns vorbildlich und solidarisch verhalten in der „schwersten Krise seit dem Ende des 2. Weltkrieges“?

Nur zaghaft fragen kluge Leute, was war sinnvoll oder lebenswichtig an unserem bisherigen Wohlstandsverhalten im Jahre 2020.

Ist die Berufung auf die schwerste Krise vielleicht etwas großspurig?

Heute vor 75 Jahren hielt ich mich mit meiner Mutter, den Großeltern und deren Freunden im Wald zwischen Fehrow und Schmogrow versteckt. Am 19. April überrannte die Rote Armee unsere Dörfer auf dem Weg zur Kesselschlacht von Halbe. Da galt es ganz andere Krisen durchzustehen. Vieles verstanden wir Kinder noch nicht; aber wir spürten große Angst und Mutlosigkeit. Fromme Sprüche meiner Großmutter sind mir in Erinnerung, dass wir auch jetzt in Gottes Hand seien. Sie waren wegweisend; wir blieben im Wald und versuchten nicht zum Amerikaner zu fliehen – manche kamen dabei nur bis Halbe.

Fromme Sprüche eines jüdischen Propheten sind am 1.Sonntag nach Ostern in der evangelischen Kirche traditionell zu Bedenken:

Warum sprichst du denn Jakob, und du, Israel, sagst: Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber?

Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Jesaja 40, 27-31

 

Angesprochen sind die Juden, die Nebukadnezar vor einer Generation von Judäa nach Babylon ins Exil geschleppt hatte. Jahr für Jahr hatten sie zusehen müssen, wie am „Turm zu Babel“, dem großen Marduktempel, diese Weltmacht sich selbst in den Himmel hob. Da haben diese Judäer wohl verzagt geflüstert: Mein Weg ist unserm Gott verborgen und unser Recht geht an ihm vorüber. Dieser Prophet, den wir den 2. Jesaja nennen, lobt seine Mitmenschen nicht, dass sie vor der babylonischen Überheblichkeit noch nicht ganz in die Knie gegangen sind.

Er erinnert nur:

Er – der ewige Gott – gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

Seine Leute sollen sich an alte Lebenserfahrungen erinnern, damals in Jerusalem. Schließlich sind sie auch angekommen an den Ufern des Euphrat. Können sie wirklich behaupten, Gott habe sie übersehen? Wenn die Zukunft nicht zu planen ist und neue Fragen aufwirft – wem wollt ihr zuhören? Den Meinungsmachern, die jetzt zwar Konjunkturdellen beziffern und gleichzeitig höheren Aufschwung für das

nächste Jahr errechnen? Unser Prophet war damals zurückhaltender: er sagt nur: die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft.

Er sollte Recht behalten: der Perser Kyros zog kampflos in Babylon ein und ließ die deportierten Völker laufen – die Juden, die es wollten, sogar bis nach Jerusalem.

Ostern haben wir gefeiert – etwas anders als sonst. War es nur ungewohnt oder haben wir etwas gespürt von einem neuen Leben?

Im Abstand von 60 oder 70 Jahren zu den außergewöhnlichen Jesusereignissen  in Jerusalem erinnert der Evangelist JOHANNES seine bedrängten Gemeinden in Kleinasien daran wie es mit jenen österlichen Lebenserfahrungen einmal angefangen hat:

Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch!

Heute müssen sich Christen mit Juden in dieser Gegend gemeinsam vor ganz anderen religiösen Eiferern verstecken. Jedenfalls waren Angst und Sorge nicht fern an jenem ersten Osterfest. Die Jünger Jesu – offensichtlich waren noch gar nicht alle hinter den verschlossenen Türen versammelt – haben eine Erscheinung, eine Vision; sie sehen und hören ihren totgeglaubten und totgesagten Meister. Die Zeichen der Kreuzigung sind unübersehbar.

Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen – schreibt der Evangelist. Thomas, der offensichtlich zu spät kommt, kann das alles weder begreifen noch glauben. Die Überlieferung hat ihn deshalb sprichwörtlich zum „ungläubigen Thomas“ erklärt. Heute würden wir wohl mit einer zeitgemäßen Redewendung sagen „ich kann dich gut verstehen“. Zumindest blieben diese Freunde Jesu aber wieder zusammen. Und nach acht Tagen... kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren und tritt mitten unter sie.

Für den Osterglauben, für den Siegeszug Gottes gegen alle Todesmächte, ist die Nähe Jesu offenbar immer wieder von Neuem nötig. Diesmal ist auch Thomas dabei und kann am Ende nur

stammeln: Mein Herr und mein Gott.

So merk-würdig, so bescheiden, so un-beweisbar fing der Osterglaube damals in Jerusalem an.

Inzwischen ist er nicht nur in Kleinasien unabweisbar geworden. In der heutigen Epistel hieß es darum: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

Für den 2. Jesaja, den Evangelisten Johannes wie den Paulusschüler, dem wir die Epistel verdanken, sind diese frommen Sprüche keinen leeren Worte. Sie geben dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögendem. Dem kann ich nur nüchtern anfügen – Amen – so sei es.